In der Regel bin ich ja als Singer/Songwriter unterwegs und schreibe die Texte für meine Comics selber. Manchmal arbeite ich aber auch nach dem Skript von Autoren. Und manchmal schreibe ich auch für andere Zeichner. Dabei habe ich Erfahrungen gewonnen, die ich gerne mit euch teilen möchte. Vor allem mit den Comictextern unter euch. Hier nun ein kleiner (und total subjektiver) Leitfaden für Texter, die versuchen, Zeichner (wie mich) für ihr Comicprojekt zu gewinnen.

1. Kurz & knackig

Zeichner akquiriert man am besten mit dem Skript für eine originelle Kurzgeschichte, am besten mit irgendwas zwischen sechs und acht Seiten. Das ist dann so ein bisschen wie Speed-Dating. Man kann sich beschnuppern und schnell herausfinden, ob die Zusammenarbeit miteinander funktioniert. Wenn ja, dann lässt sich darauf aufbauen, wenn nein, dann hat man zumindest eine abgeschlossene Geschichte, die man gemeinsam veröffentlichen kann. Danach geht man wieder seiner Wege. So ein kurzes Skript zu Beginn hat auch den Vorteil, dass der Zeichner es schnell gelesen hat und weiß, worauf er sich einlässt. Bei einem langen, dicken Erstlingsprojekt ist das zunächst erstmal nicht der Fall. Es Bedarf viel mehr Vorarbeit und Koordination und läuft dann Gefahr, dass über die lange Laufzeit das Leben dazwischen kommt. Viele Texte haben von Zeichnern abgebrochene Geschichten in ihren Schubladen. Es macht grundsätzlich Sinn, erst einmal über ein kurzes Projekt zu einer längeren Zusammenarbeit zu finden.

Beispiel: „Das Kamäleon“ (2019). Björn, der Texter, schrieb zunächst das Skript für einen Sechsseiter, den wir als erste gemeinsame Zusammenarbeit publizierten. Das hat uns soviel Spaß gemacht, dass wir (mit Hilfe von Alena und Harald) drei Jahre später den Langcomic folgen ließen.

2. Kenne den Partner

Vor einigen Jahren fragte ich den Zeichner/Texter Christopher Tauber, worauf ich beim Erstellen eines Skriptes für andere Zeichner am ehesten achten solle. Nach kurzem Überlegen antwortete er, ihm sei es wichtig zu wissen, was die Fähigkeiten des Zeichners wären, denn dann könne er diese bei seinem Skript mit einplanen. Und das macht auch total Sinn. Nehmt mich als Beispiel. Ich bin von Haus aus ein fauler Zeichner, der eher reduziert und wenig filigran arbeitet. Ich wäre sicher nicht die erste Adresse, die man eine Graphic Novel über detailverliebte Jugendstil-Intarsien während der Belle Époque in Paris zeichnen lassen sollte. Oder irgendeinen Auto-Comic. Mich sollte man auf dem Schirm haben, wenn es um Action, Krimis oder Retro-Krams geht. Darum ist es immer hilfreich sich zunächst erst einmal mit dem Œuvre eines Zeichners auseinander zu setzen.

Beispiel: „Sumi“ (2022). Der Texter Michael hatte auf mycomics.de eine Kurzgeschichte von mir gefunden und fragte an, ob ich in diesem Stil nicht das Abschlusskapitel seiner Graphic Novel zeichnen wolle. Ich wollte. Und daraus ergab sich eine lange und fruchtbare Zusammenarbeit mit dem Verlag Kult Comics.

3. Schreibe strukturiert und verständlich

Wenn ich für mich selber texte, dann verfahre ich nach der „Marvel Method“. Ich muss mir ja nicht selbst ins Kleinste vorkauen, was ich machen soll, da ich ja weiß, was ich von mir will. Möchte ein Texter mit mir zusammenarbeiten, so bring er am besten ein „Full Skript“ mit, das wie folgt aufgebaut sein sollte:

  1. Titel und kurze Synopsis: Kleine Zusammenfassung der Handlung, einfach hintereinander runtergeschrieben
  2. Handelnde Personen: Ein kurzes Wer-ist-wer hilft dem Zeichner, das Personal zu erfassen.
  3. Seiten mit Panel-Beschreibungen und Dialogen, gerne auch Soundwords: Ich persönlich liebe es, wenn am Anfang jeder Seitenbeschreibung die Anzahl der Panels steht, so dass ich beim Weiterlesen schon ein grobes Seitenraster im Kopf habe. Hilfreich sind hier auch Beschreibungen wie „wichtiges Panel“ oder „seitenbestimmendes Panel“, was bei der Struktur des Seitenlayouts hilft. Am liebsten sind mir fünf bis sieben Panel pro Seite. Wenn es mehr wird, bitte darauf achten, dass der Text nicht zu viel wird. Das stellt den Zeichner ansonsten vor unlösbare Aufgaben.
  4. Referenzen? Gerne her damit! Der Hauptdarsteller soll aussehen wie George Peppard? Der Wagen ist ein Karmann Ghia? Auf dem Tisch steht eine Newton’sche Wiege? Es schadet nicht, dieses Bildmaterial in das Skript mit aufzunehmen, um Missverständnisse zu vermeiden.

Beispiel: „Mr. Kill“. Hennings Skripte sind die mit Abstand besten Drehbücher, nach denen ich in den letzten Jahren gearbeitet habe. Sie lesen sich einfach und verständlich, sind detailliert, lassen aber auch Raum für mögliche Improvisation und sind knallvoll mit Referenzen. Der Mann liebt seinen Job!

4. Hab Vertrauen

Auch wenn es sicherlich Autoren gibt, die ihre Zeichner an der kurzen Leine halten, macht es bei Illustratoren wie mir mehr Sinn, ihnen künstlerische Freiheit zuzugestehen. Denn man darf nicht vergessen: Der Zeichner wird sich in den meisten Fällen deutlich länger mit der Geschichte befassen als der Autor. Und zusätzlich zum Autor wird er noch eine gewaltige Portion seines Storytellings in die Story einfließen lassen. Auch wenn sich das Ergebnis am Ende unter Umständen von den Vorstellungen im Kopf des Autors unterscheidet, ist die Möglichkeit groß, dass das gemeinsame Ergebnis diese Vorstellungen noch übertrifft!

Beispiel: „Der Buddha von Berlin“. Mein Vater, der das Skript zum „Buddha“ geschrieben hat, fühlte sich wohler, es mehr wie einen Roman zu schreiben. Ich habe es in einem zweiten Schritt in Panels und Sprechblasen umgearbeitet und gemeinsam haben wir es finalisiert. Ein sehr schönes und einzigartiges Vater-Sohn-Projekt!

5. Hab Spaß!

Das sollte doch am Ende mit am Wichtigsten sein. Zumindest in der Indie-Szene!